26.1.23: Auf nach Bolivien

Heute sind wir weiter gen Norden gefahren. Schnell hatten wir das Altiplano – in Argentinien Puna genannt – auf 3500 m erreicht und fuhren weiter durch eine tolle Landschaft mit bunten Bergen und einer unendlichen Weite. Nach zwei Stunden erreichten wir die Grenze nach Bolivien. Wir hatten schon vorher gehört, dass man hier viel Zeit einplanen müsse.

Und so war es auch…eine Station nach der nächsten und als wir endlich durch waren, mussten wir noch eine halbe Stunde warten, weil unsere Ausreisespur durch einreisende LKWs besetzt war. Dazu war es wirklich unglaublich heiß. Allmählich haben wir wirklich genug von Grenzen!

In der Grenzstadt Villazon angekommen mußten wir noch zur Impfkontrolle und Chingi wurde desinfiziert. Nach einer etwas aufwendigen Suche nach einen Bankautomaten konnten wir endlich weiterfahren. Im Straßenbild sah man viele Frauen, die mit langen schwarzen geflochtenen Zöpfen, Hüten und mehren bunten Röcken übereinander. Ein Klischee-Bild, dass man mit Peru oder Bolivien verbindet. Auch sonst hat sich das Stadtbild – selbst gegenüber den letzten Orten in Argentinien, nochmal deutlich verändert.

Nach ca. 30 Minuten Fahrt über die Landstrasse ging der Weg zum von uns anvisierten Campingplatz ab. Wir wussten, dass wir 13 km Schotterpiste fahren mussten, aber damit, was uns erwartete, hatten wir nicht gerechnet. Auf 10 km ging es über 600 m bergab in einen Canyon. Grandiose Ausblicke, aber die Piste war super schmal und führte direkt am Abgrund entlang. Wendemöglichkeiten gab es nicht, also Augen zu und durch, jetzt bitte kein Bremsversagen oder Reifenplatzer. Steffen und Chingi haben diese Strecke mit feuchten Händen gemeistert. Unten im Tal war es auf einmal grün und es gab Obstbäume, Wein und kleine Felder. Auf dem kleinen „Campingplatz“ – der Garten eines Bauernhofes -, einer echt tollen grünen Oase, waren wir mal wieder die einzigen Gäste. Unser Gastgeber Ariel erzählte uns, dass wir seit der Pandemie die ersten Gäste aus Europa seien.

Bis spät arbeiteten Ariel und seine Frau und vielen Kindern auf den Feldern. Zum Duschen warf er ein Feuer an, damit wir warmes Wasser hatten, Licht gab es keines mehr.

Exkurs Bolivien: Bolivien ist mit 1,1 Millionen Quadratkilometern etwa dreimal so groß wie Deutschland. Es grenzt an Argentinien, Chile, Peru, Paraguay und Brasilien. Die Hauptstadt ist nicht – wie viele meinen – La Paz, sondern Sucre. Jedoch befinden sich die meisten Verwaltungs- und Regierungseinrichtungen in La Paz. Bolivien hat etwa 11,2 Millionen Einwohner, von denen etwa 60 % Indigenas sind. Die Quechua, die Aymara und die Guarani machen die größten Volksgruppen unter der indigenen Bevölkerung aus. Insgesamt gibt es in Bolivien 36 verschiedene indigene Ethnien mit ihren eigenen Sprachen. Die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe sind die Mestizen, die sowohl europäische als auch indigene Vorfahren haben. Sie machen ein Viertel der Bevölkerung aus, während die Weißen, meist Nachfahren der Spanier, etwas 10 % der Bevölkerung stellen.

Bolivien unterteilt sich im Wesentlichen in zwei unterschiedliche Landschaftsräume: das Andenhochland und das Tiefland. Dazwischen liegen die steilen Andenabhänge. Die Anden ,das längste Kettengebirge der Welt, ziehen sich von Patagonien bis nach Venezuela mit Gipfeln von über 6000 m Höhe, von denen wir ja inzwischen auch einige gesehen haben.

Etwa ein Drittel Boliviens wird von dieser Gebirgskette eingenommen. Zwischen den östlichen und westlichen Andenketten erstreckt sich das Hochlandbecken des Altiplano mit einer Durchschnittshöhe von 3500 m. Über ihrem Ostrand fallen die Anden über Bergnebelwälder in das Tiefland ab. Das Tiefland setzt sich aus dem Amazonasbecken, der Pampa (die während der Regenzeit meist komplett überschwemmt wird), Buschsteppen und Sumpflandschaft zusammen.

Bolivien ist reich an Bodenschätzen (Kupfer, Silber, Erdöl, Gas). Trotzdem ist es bei dem Pro-Kopf-Einkommen das Schlusslicht Südamerikas. Ein noch unerschlossener Schatz ist das immense Lithiumvorkommen unter der Salar de Unyuni, welches ja eine immer größere Bedeutung erlangt. Nur ein Zwanstigstel des Landes kann als Ackerland genutzt werden. Angebaut werden im Hochland Kartoffeln, Mais, Quinoa, Getreide und Coca. Im Tiefland Zuckerrohr, Baumwolle, Reis, Kaffee, Tabak und tropische Früchte. Da die Landwirtschaft oft noch wie zu Zeiten der Inka betreiben wird, ist die Produktivität gering. Korruption ist wohl nicht nur ein politisches, sondern auch ein Alltagsproblem. Bei Polizei, Zoll und Justiz soll ohne Bestechung nix laufen. Jeder Behördengang soll eine bolivianische Familie durchschnittlich 168 Bolivianos (ca. 17 €) kosten.

Bei militärischen Auseinandersetzungen stand Bolivien meist auf der Verliererseite und verlor dabei mehr als die Hälfte seines ursprünglichen Territoriums, unter anderem bei den Salpeterkrieg mit Chile 1879-1884 seinen Meerzugang Von 1964-1982 herrschten verschiedene Militärdiktaturen. Insgesamt war die Lage extrem instabil. So hatte Bolivien im Oktober 1970 an einem einzigen Tag sechs verschiedene Präsidenten! (Das stellen wir uns rein technisch recht schwierig vor).

Erst 1982 führte ein demokratisch gewählter Präsident wieder das Land. Eine Inflation von 35.000 Prozent und ein ununterbrochener Wechsel von Präsidenten ließ das Land nicht zur Ruhe kommen. Erst Gonzalo Sanches de Lozado, der von 1993-1997 das Präsidentenamt innehatte, verabschiedete einige entscheidende Reformen, wie die Volksbeteiligung mit der Anerkennung der Indigenas und das Gesetz zur Einführung von Quechua und Aymara in den Schulen. Dennoch bestimmte Korruption, der Ausverkauf der Bodenschätze, der Kampf der USA gegen den Cocaanbau und die Tatsache, dass sich die Lebensverhältnisse der Indigena nicht entscheidend verbessert hatten, zu neuen Widerständen, die schließlich 2005 in die Wahl von Evo Morales mündete.

Evo Morales war von 2006-2019, der erste indigene Präsident und stammt aus sehr ärmlichen Verhältnissen, seine Familie lebt von Cocaanbau. Für die verarmte Urbevölkerung wurde er zum Hoffnungsträger. Zum ersten Mal fühlte sich die Mehrheit des Landes überhaupt in der Regierung vertreten. Seit Morales gewählt wurde, ist es normal, dass Indigenas höhere Positionen in Parteien, Gewerkschaften und Verbänden einnehmen. Außerdem verstaatlichte Morales die Erdöl- und Gasindustrie, die Wasserwerke und die Fluggesellschaft. Mit dem dadurch gewonnenen Geld in der Staatskasse wurden selbst entlegenste Dörfer an das Straßen- und Stromnetz angeschlossen, Schulen gebaut, für Bauerngemeinschaften Traktoren angeschafft und eine Reihe sozialer Leistungen eingeführt. Die Investitionen machten Bolivien zu einem der wachstumsstärksten Länder Südamerikas. Eine Millionen Bolivianer konnten die Armutsgrenze überwinden. Die Analphabetenrate sank von 40 auf 4 Prozent. Allerdings endete auch seine Amtszeit in der Krise, als sich entgegen der Verfassung nocheinmal wiederwählen lassen wollte, die Volksabstimmung zur Änderung der Verfassung scheiterte aber. Trotz der positiven Entwicklung für die Mehrheit der Bolivianer bleibt das Land unruhig. Wenn Subventionen gestrichen oder Fahrpreise erhöht werden, kocht der Volkszorn schnell wieder hoch, dann werden Straßensperren errichtet und Städte lahmgelegt (s.o.).

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für den Exkurs, ich habe wieder sehr viel gelernt. Über Bolivien wusste ich praktisch gar nichts. Sehr interessant!!!!

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