31.12.22: Valparaiso und Sylvester

Heute morgen sind wir nach dem Frühstück nach Valparaiso gefahren. Auch hierhin wollten wir wegen der „Kriminalitätsgeschichten“, die wir von anderen gehört hatten, vorsichtshalber nicht mit Chingi fahren. Unsere Gastgeberin Rosa hat versucht, digital ein Busticket für uns zu buchen. Diese waren jedoch ausverkauft, da wohl Valparaiso ein traditioneller Ort für die Sylvesterfeier ist. Deshalb hat uns Rosa einfach mal so ihr Auto geliehen, das bei uns auf dem Grundstück steht. Außerdem hatten wir aus Versehen einen Tag zu wenig gebucht und unser schöner Container war schon wieder vermietet. Deshalb wurden wir für die letzte Nacht von den Schwiegereltern Reina und Eugenio nicht nur zur Übernachtung, sondern auch zum Sylvester-Asado eingeladen. Bezahlen durften wir natürlich nix. Unglaublich diese Gastfreundschaft!!

Exkurs Valparaiso: Valparaiso ist eine alte Hafenstadt, die auf über 40 Hügeln erbaut wurde. Früher wurden von hier die landwirtschaftlichen Güter der Haciendas verschifft. Nach der Unabhängigkeit von der spanischen Kolonialmacht erlebte Valparaiso seine Blüte als Marinehafen. Kapitänsvillen und Bürgerhäuser entstanden auf den Hügeln der Stadt. Die dazwischenliegenden Schluchten wurden durch Passagen, Treppengänge und Standseilbahnen miteinander verknüpft. Viele deutsche, britische und italienische Auswanderer brachten außerdem ihre Kultur mit. Der Ausbruch des chilenischen Goldrausches 1848 gab der Stadt nochmal einen zusätzlichen Aufschwung. Doch mit dem Durchstich des Panamakanals 1914 wurden die Magellanstraße sowie die meisten chilenischen Häfen und damit auch Valparaiso bedeutungslos. In den 1960er Jahren zog Pablo Neruda in die Stadt und baute dort ein Haus, welches heute Museum ist. Künstlerfreunde und Architekten folgten ihm, die alten Häuser wurden größtenteils renoviert und es entstanden unzählige Wandgemälde, die heute als „Museo del Cielo Abierto“ (Museum des offenen Himmels) zu bewundern sind.

Nachdem wir mit unserem praktischen Miniauto einen Parkplatz mitten auf einem Hügel gefunden hatten, haben wir die Stadt erkundet. Wirklich unglaublich spannend und man kommt aus dem Fotografieren der vielen tollen Wandbilder gar nicht mehr heraus. Besonders faszinierend ist die Gestaltung der vielen Treppen, deren Motiv oft erst mit einem bestimmten räumlichen Abstand deutlich wird. Allerdings sind 40 Hügel eine echte Ansage. Es geht entweder hoch oder runter. Obwohl wir auch die Standseilbahn genutzt haben, war es irgenwann genug des „Hoch und Runter“, so dass wir mit dem Taxi zum Haus von Pablo Neruda fuhren. Leider hatte es wegen Sylvester geschlossen. Allerdings trafen wir vor der verschlossenen Tür ein nettes (englisch sprechendes) brasilianisches und kurz darauf noch ein deutsche Pärchen mit denen zusammen wir weiter über den Hügel zogen und schließlich in der Kneipe „Hotzenplotz“ – wo es z.B. Kassler und Sauerkraut, aber auch leckere Craftbiere gibt – einkehrten. So konnten wir uns gleich auch noch ein bisschen über das südliche Brasilien informieren (hier geistert gerade das Gerücht, dass Peru die Grenzen schließt, wir haben aber bisher keine entsprechende offizielle Bestätigung gefunden).

Gegen Abend traten wir den Heimweg an, da wir ja zum Asado eingeladen waren. Wir hatten dann noch ein bisschen Stress, weil plötzlich alle Supermärkte zu hatten und wir noch ein Geschenk besorgen wollten. Nachdem sogar Heiligabend und Weihnachten alles weiter offen hatte, haben wir nicht mit geschlossen Geschäften gerechnet. Zum Glück fanden wir letztlich noch einen Minimarkt, der die Zutaten für den – hier recht bekannten und beliebten Cocktail „Terremoto“ (=„Erdbeben“), von dem wir wussten, dass die beiden ihn lieben) und Pralinen bekamen. (Erdbeben besteht aus Weißwein, Grenadine und Ananas-Eis, schmeckt gar nicht schlecht).

Eugenio hatte schon mit Holz ein Feuer in einer Schubkarre (diese wird aus Brandschutzgründen hinterher direkt an einen sicheren Ort gefahren, in der Nähe von Valparaioso waren gerade größere Waldbrände) gemacht, über die er einfach einen Rost legte. Darauf wurde dann verschiedenes Fleisch und Würste gelegt, die dann mit Brot, einem Tomatensalsa und einem Reis-schwarze Bohnen-Salat gegessen wurden, sehr lecker. Dazu gab es Erdbeben, Bier und Rotwein.

Wir hatten uns vorher ein bisschen gesorgt, wie wir den Abend überstehen, da die Verständigung durch sehr schwierig (s.o. „bayrisches Spanisch“) war. Aber irgendwie haben wir uns dann doch ganz gut eingehört und konnten uns relativ gut unterhalten. Jedenfalls haben wir viel über das Leben in San Salvador und in Chile erfahren.

Exkurs Sylvester in Chile: In Chile ist privates Feuerwerk grundsätzlich verboten und man kann auch keine Feuerwerkskörper kaufen. Der Grund liegt wohl hauptsächlich darin, dass fast alle Häuser in Chile aus Holz gebaut sind und es um diese Jahreszeit heiß ist und Waldbrandgefahr besteht. Feuerwerke werden zentral organisiert und ein großes – landesweit übertragenes – ist z.B. in Valparaiso. Dieses Jahr wurde das Feuerwerk allerdings abgesagt, da es hier eine starke Initiative von Menschen mit Autismus (und von Naturschützern) gab/gibt. Diesen wurde zugesagt, dass es nur noch geräuscharme Feuerwerke geben soll. Allerdings hinkt die Entwicklung leiser Feuerwerkskörper wohl noch hinterher, so dass das Feuerwerk dann halt gar nicht stattfand. Das war also unser erstes Sylvester, an dem wir tatsächlich keinen einzigen Knall gehört haben.

Dafür gibt es andere lustige Traditionen. Als wir in Santiago waren, haben wir uns gewundert, warum überall auf der Straße knallgelbe Unterwäsche verkauft wurde (leider ist das Foto davon nix geworden). Inzwischen wissen wir es: man zieht Sylvester gelbe Unterwäsche an, um Glück in der Liebe zu haben. Bis um 12. 00 Uhr trägt man sie verkehrt herum, um 12.00 Uhr zieht man sie dann richtig rum an. Lustige Vorstellung, wie alle um 12. 00 Uhr ins Bano stürzen, um die Unterhose umzudrehen….Für Reichtum legt man sich Geldscheine in die Schuhe. Bei der Währung wahrscheinlich auf Dauer eine recht schmerzliche Angelegenheit. Außerdem zieht um um Mitternacht mit einem Koffer einmal um das Haus, um Glück beim Reisen zu haben.

Wir verraten an dieser Stelle nicht, welcher der Traditionen wir gehuldigt haben (:-)

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