8.2.23: Salta

Nach einem Frühstück in unserer klimatisierten Wohnung fuhren wir mit dem Taxi in die Stadt, um uns dort Fahrräder zu leihen, damit wir besser vom Fleck kommen. Das erwies sich leider als äußerst schwierig. Das erste Geschäft war nicht existent, das zweite wollte nur an Leute vermieten, die mit ihnen eine Tour machen. Unser Taxifahrer war allerdings mal wieder argentinisch nett und hilfsbereit und telefonierte überall herum und brachte uns schließlich tatsächlich zu einem Fahrradverleih, wo wir zwei schicke Mountainbikes ausliehen (bequeme Oma-Bikes wären uns lieber gewesen, für Steffen ist es schon eine echte Herausforderung, sein Bein über den Sattel zu schwingen und Anne würde auch lieber aufrecht als sportlich sitzen :)). Nicht desto trotz versuchten wir dann den Hausberg, auf den man auch mit einer Gondel fahren kann, mit dem Fahrrad zu bezwingen, schließlich hatten wir ja Mountainbikes. Leider mussten wir ziemlich schnell feststellen, dass die Temparaturen dafür vielleicht doch etwas zu hoch waren und kehrten reumütig um, morgen dann vielleicht doch besser mit dem Lift…

Wir fuhren dann durch einen schönen Park in die Innenstadt, wo wir uns erstmal stärkten und bestätigt fanden, dass Salta tatsächlich der kulinarische Höhepunkt Argentiniens sein soll.

Anschließend gingen wir ins „Museum of High Altitude Archaeology“, das sich u.a. mit einem spektakulärem Fund aus der Inkazeit befasst.

Exkurs Die Kinder von Llullaillaco: Das Museum wurde 2004 eröffnet, um eine einzigartige Sammlung zu bewahren, zu erforschen und auszustellen: die Mumien von zwei Kindern (6 und 7 Jahre alt) und einer Fünfzehnjährigen aus der Inkazeit, die auf dem Vulkan Llullaillaco (6739 m) in einer Capacocha-Zermonie mit über 100 Grabbeigaben geopfert und erst 1999 gefunden wurden. Der Fundort, eine 10 x 6 m große Plattform auf dem Berggipfel, ist die höchste archäologische Stätte der Welt. Das Heiligtum blieb mehr als 500 Jahre unberührt. Als die Expedition 1999 die drei Gräber unter der Plattform öffnete, waren die Körper und die Opferbeigaben aufgrund der der Eiseskälte, der geringen Luftfeuchtigkeit und fehlender Mikroorganismen so gut konserviert, dass sie zu den am besten erhaltenen Mumien weltweit zählen.

Die Opferung und das rituelle Begräbnis auf dem Llullaillaco waren der Höhepunkt und der Abschluss einer Capacocha-Zeremonie. Solche Menschenopfer fanden in der Hauptstadt Cusco (die wir in Peru ja inklusive Matchu Pitchu leider verpasst haben) und an heiligen Stätten in entlegenen Provinzen des riesigen Inkareiches Tawantinsuyu statt, welches Gebiete des heutigen Ecuadors, Kolumbiens, des oberen Amazonas, Perus, Boliviens, Chiles und des Nordwestens Argentiniens umfasste. Das Inkareich existierte bis zur Eroberung durch die Spanier und dem Tod des letzten Inkakönigs 1533.

Die Geopferten wurden als Boten mit Opfergaben zu den Göttern geschickt und dabei selbst zur Opfergabe. Capacochas sollten die imperialen Götter und lokalen Berggeister besänftigen und ihnen huldigen, dem als Sohn der Sonne göttlich verehrten Inka Glück und Wohlergehen bringen und seine Macht festigen, die Fruchtbarkeit der Felder und Herden gewährleisten und Unheil abwenden.

Aus den Chroniken ist bekannt, dass lokale Herrscher aus der Peripherie des Reiches ihre Kinder für Capacochas zur Verfügung stellten, um dadurch ihre Beziehung zum Inka zu festigen. Dies trifft wahrscheinlich auf die beiden kleineren Kinder zu. Bei der Jugendlichen handelt es sich wahrscheinlich um eine der „auserwählten Frauen“, die abgeschieden und jungfräulich aufwachsen mussten.

Bei einer Capacocha-Zermonie wurden die Opfer zusammen mit kostbaren zeremoniellen Gegenständen zunächst in die Hauptstadt Cusco gebracht und dort geweiht. Anschließend schickte man sie in einer Karawane mit Priestern auf eine sehr lange Prozession zu den verschiedenen heiligen Stätten, in dem Fall der Kinder von Llullaillaco eine 1500 km lange Reise.Wie Haaranalysen ergaben, sind die Kinder in dieser Zeit mit privilegierten Speisen ernährt worden. Außerdem bekamen sie Alkohol und Coca, deren Dosis zum Zeitpunkt der Opferung erhöht worden. Die Mädchen starben auf dem Gipfel an Erschöpfung, Sauerstoffmangel und Kälte, der Junge starb schon vor dem Gipfel an der Höhenkrankheit.

Neben wertvollen, geschlechtsspezifischen Grabbeilagen (Figuren aus Gold und Silber, Schmuck, Muscheln, wertvolle Kleidung, Federschmuck, Ersatzsandalen) wurden in den Gräbern auch Nahrung (Mais, Erdnüsse, Kartoffeln, Fleisch) und Cocablätter, sowie Ledersäckchen aus Lamahoden mit Haaren und Nägeln der Kinder gefunden. In der Inkazeit war es üblich, die eigenen Haare und Nägel aufzubewahren, um sie nach dem Tod mit dem Körper zu bestatten. Wir mussten daran denken, dass Henri als Kind auch immer darauf bestanden hat, seine Haare beim Friseur mitzunehmen und aufzubewahren, schließlich könne er den Teil von sich dort ja nicht alleine zurücklassen…

Die Ausstellung war wirklich sehr berührend. Man kann alle Opferbeigaben betrachten, es gab einen sehr informativen Film (sogar mit englischen Untertiteln) und jeweils eine Mumie ist im Wechsel in einem Spezialbehälter ausgestellt. Unglaublich, wie völlig unangetastet der Körper ist, man würde sich nicht wundern, wenn sie plötzlich die Augen öffenen würde…

Danach schlenderten wir noch über die Plaza mit ihren schönen alten Kolonialbauten und Arkarden und schauten uns noch zwei (sehr überladene) Kirchen mit kleinen Orgeln an.

Abends schwangen wir uns nochmal in die Sättel, um zu einem Kunsthandwerkermarkt zu fahren. Es machte Spaß, in der lauen Sommerluft durch Salta zu cruisen.

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