Um 12.00 Uhr sollten wir Chingi in der Werkstatt abholen können. Wir waren zwar nicht wirklich überzeugt, dass das pünktlich klappen würde, mußten aber ja ohnehin das Hostal verlassen.
Wir waren ziemlich aufgeregt, ob die Werkstattgang es geschafft hatte, unseren Chingi wieder zusammenzusetzen. Es ist ja schon ein schräges Gefühl, so mitten in der Wüste völlig ausgeliefert zu sein, und zwar Leuten, die man überhaupt nicht kennt und in einem Land, von dem man überhaupt keine Ahnung hat, wie es läuft. Man kann sich ja für die Fortsetzung alle möglichen Alptraumvisionen vorstellen, ohne Chingi an dieser Stelle würde es jedenfalls verdammt schwierig. Das hatte sich wohl auch die letzten beiden Tage in unserer Stimmung widergespiegelt.
Als wir ankamen, waren immerhin schon zwei Räder wieder am Chingi und das „Einzelteillager“ sah auch deutlich leerer aus. Es sollte aber noch über zwei Stunden und eine Fahrt zur Ferreteria (Eisenwarenhandklung), um eine neue Feder zu kaufen dauern, bis wir unseren Chingi tatsächlich wieder in Empfang nehmen durften. Das Warten in der prallen Sonne und der Höhe hatte diesmal vor allem Annes Nerven etwas überstrapaziert. Danach mußten wir noch darauf warten, dass auch Oscar wieder dazukam, ohne den Vladi das Ganze wohl auch nicht beenden wollte (vielleicht auch aus Rücksicht auf uns, da man Fragen auf Englisch doch leichter zu klären waren).
Nach einer sehr kurzen Nachbesserung (es mußte nochmal Hydrauliköl für die Lenkung nachgegossen werden) und einer sehr herzlichen Verabschiedung sowie einem kurzen Imbiss in der Stadt (es war ja inzwischen 14.30 Uhr und weitere Nahrungsaufnahmemöglichkeiten waren nicht absehbar) verließen wir endlich Uyuni und fuhren 20 km weiter nach Colchani, einer kleinen Ansammlung einiger Häuser und einem der Zugänge zum Salar de Uyuni.
Wir waren schon recht aufgeregt. Nun stand die Entscheidung an, ob wir uns alleine trauen. Die meisten Leute befahren nur mit einer gebuchten Tour den Salar, da es keine Wege gibt und man sich nur an den Spuren vorheriger Fahrzeuge orientieren kann. Man kommt also an einen Salzsee, eine endlose weiße Fläche, gut 140 km Länge und 110 km Breite, kein Weg, kein Schild, das einzige das man weiß, ist, dass in der Mitte eine Insel liegt, zu der man will. Ist schon etwas einschüchternd. Zudem hatten wir unserer Bolivien-Chat-Gruppe schon gruselige Geschichten gelesen von Leuten, die vom Weg abgekommen und eingebrochen sind. Besonders abschreckend war ein Bericht von Leuten, deren Fahrzeug erst nach einer Woche mit Hilfe von 20 Soldaten geborgen werden konnte, die am Schluss irgendwie mit herbeigeschafften Steinen einen Rampe gebaut hatten….Die Sole unter der Salzkruste hat wohl die Konsistenz von flüssigem Beton…Andererseits hatte uns Oscar gut zu geredet, dass man derzeit noch gut den Spuren anderer Fahrzeuge folgen könne, die Hauptspur führe zu der Insel Incahuasi, zu der wir wollten. Schwieriger werde es, wenn stärkerer Regen komme, weil dann die Spuren nicht mehr gut zu erkennen seien, so starker Regen sei jedoch in den nächsten Tagen nicht zu erwarten.
Wir fuhren also vorsichtig los. Obwohl am Horizont schon dunkle Wolken aufzogen, war das Licht noch so grell, dass man es ohne Sonnenbrille nicht aushalten konnte. Vorsichtig folgten wir der Spur, die sich allerdings häufiger teilte, aber zum Glück meistens wieder zusammenlief. Als Zwischenziel hatten wir uns ein ehemaliges Salzhotel vorgenommen, das nach ca. einem Viertel der Strecke kommen sollte. Dort wollten wir weiter sehen.
Nach ca. 20 Minuten erreichten wir tatsächlich dieses aufgegebene Hotel, das erste auf der Welt mit „Innereien“, also Stühlen, Tischen, Betten und sonstigen Mobiliar nur aus Salz. Vor dem Hotel war dann auch noch ein Denkmal an die Rallye Paris-Dakar, die wohl im Jahr 2014 einmal in Bolivien stattgefunden hat. Hier waren auch noch verschiedene andere Besucher, sodass wir uns nicht so verloren vorkamen. Wir beschlossen, es weiter zu versuchen und ließen uns von einem anwesenden Tourguide die richtige Spur zeigen.
Die weitere Fahrt war schon sehr beeindruckend, fremder kann es auf dem Mond auch nicht sein. Ringsherum nur ein gleißend weiße Fläche, immer mal mit Spiegelungen, als wäre man auf dem Meer, in der Ferne viele höhere Gipfel. Der Navi zeigte stur nur „fährt nach Osten“. Immer mal wieder teilte sich die Spur, immer mal wieder stand die Entscheidung an, welche dunkler und damit benutzbarer aussieht. Auch kam uns ab und zu mal ein Fahrzeug entgegen, so das wir uns halbwegs sicher fühlten.
Nach einer weiteren Stunden Fahrt tauchte tatsächlich vor uns so etwas wie eine Insel auf, längere Zeit waren wir trotzdem nicht ganz sicher, ob das unser Ziel sei, da – auch angesichts der Spiegelungen – Entfernungen sehr schwierig einzuschätzen waren. Aber sie war es, mitten im Salzsee eine ganz schön hohe Insel, voll mit riesigen Kakteen. die Insel besteht aus versteinerten Korallen. Die Kakteen, die nur einen Zentimeter im Jahr wachsen, sind zum Teil über 10 m hoch. Zum Glück waren noch ein paar andere Fahrzeuge da, hauptsächlich Tour-Fahrzeuge. Die Insel ist gleichzeitig ein kleiner Nationalpark, d.h. mit einem anwesenden Ranger und einem ausgeschilderten „Wanderweg“ zum höchsten Punkt.
Wir beschlossen, wie geplant über Nacht dort zu bleiben. Nach einer Weile waren auch tatsächlich alle – zum Sonnenuntergang gekommenen – Tourfahrzeuge weg und wir waren allein mit einem französischen Paar, das seit 30 Jahren in Brasilien lebt.
Auf der Insel gab es eine überdachte Picknick-Tischgruppe und wir beschlossen, dort zu kochen. In wenigen Minuten kam allerdings solch ein heftiger Sturm auf, dass das Kochen zu einem echten Abenteuer wurde. Beim Schneiden wehte uns die Paprika vom Teller. Zum Glück brachte der inzwischen fast schwarze Himmel nur den Sturm, und nicht auch noch Regen. Es gab auch noch einige spektakuläre Bilder von der Abenddämmerung zu sehen.
Als auch nach geraumer Zeit der Sturm nicht nachließ, sahen wir ein, dass es nicht möglich sein würde, das Dachzelt aufzuschlagen. Wir räumten also noch weitere Kisten – einige hatten wir zum Windschutz beim Kochen ohnehin schon in den Unterstand gebracht- dorthin und schliefen die Nacht im Auto/ in der Box. Das war auch irgendwie gemütlich, an einem solchen Ort mit Chingi so den „Unbillen“ trotzen zu können.
Exkurs Salar de Uyuni: Der Salar de Unyuni im Südwesten Boliviens ist die größte und natürlich höchste Salzpfanne de Erde auf 3650 m Höhe. An ihrer Stelle befand sich vor 40.000 Jahren ein prähistorischer See, der austrocknete und eine wüstenartige, fast 11.000 Quadratkilometer (140 km Länge/110 km Breite) große Landschaft zurückließ, die von schneeweißem Salz, Felsformationen und kakteenbewachsenen Inseln geprägt is. Die unwirtliche Mondlandschaft kann von der im Zentrum gelegenen Insel Incahuasi aus beobachtet werden. Obwohl in diesem einzigartigen Ökosystem kaum Leben möglich ist, haben sich zahlreiche Flamingos angesiedelt.
Unter dem Salar in die Sole gebunden liegen die größten Lithiumreserven der Welt und ebenfalls erhebliche Mengen an Kalium, Bor und Magnesium. Die Salzkruste an der Oberfläche hat einer Stärke von ca. 1m bis 10 m. Darunter liegt eine bis zu 120 Meter tiefe Schicht aus Salzlakeschichten. Der Salar enthält geschätzt 10 Milliarden Tonnen Salz, von dem jedes Jahr 25 000 t abgebaut werden. Außerdem weht ganzjährig ein starker Wind. In der Tockenzeit (Mai bis Oktober) zeigt die Salzwüste ihr einzigartiges sechseckiges Bienenwabenmuster. Während der Regenzeit (November bis April) wird der Salar von einer dünnen Wasserschicht überzogen und wirkt dann wie ein riesiger Spiegel. Die große Fläche, der klare Himmel und die außergewöhnliche Ebenheit der Obergläche machen den Sala ideal für die Kalibirerung der Höhenmesser von Erdbeobachtungssatelliten. Allerdings ist es in der Regenzeit gefährlicher, ihn zu befahren. Wir haben das Glück, dass dieses Jahr die Regenzeit, obwohl schon Ende Januar ist, noch nicht bzw. nicht in vollem Umfang eingesetzt hat, was wahrscheinlich mit El Nino zu tun hat.

























