Am nächsten Morgen sind wir nach einem herzlichen Abschied um 9.00 Uhr aufgebrochen, da wir einen langen Fahrtag vor uns hatten. Von Jan hatten wir den Tipp erhalten, nicht über die Hauptstraße zum Colca Canyon zu fahren, sondern die alte Verbindungsstraße durch die Berge zu nehmen, das würden wir – auch ohne Allrad – schon schaffen, auch wenn die Straße wenig asphaltiert sei. Die Straße ging steil den Berg rauf und zwischen den beiden Vulkanen El Misti und Chanchani hindurch. Die ganze Straße hoch waren Bauarbeiten und somit ein ständiger Wechsel zwischen nur sehr schlecht befahrbaren und neu asphaltierten Strecken. Zwischendurch war die Strasse auch immer mal zeitweise gesperrt, da sie nur einspurig war oder einmal der Teer noch nicht genug getrocknet war. Nach zwei Stunden hatten wir die Höhe von 4300m erreicht und waren auf waren auf einer riesigen Hochebene, die gleichzeitig das „Reserva Nacional de Salinas und Aqua Blancas“ beherbergt. Das Reservat wurde gegründet, um den Lebensraum der seltenen Vicunjas sowie die Feuchtgebiete und Lagunen des Hochlandes zu schützen. Schon bald sahen wir viele Lamas, Alpakas und vor allem auch endlich wieder Vikunjas, die wir ja schon beim letzten Südamerikatrip so sehr mochten.
Exkurs: Vikunja Das Vikunja ist das kleinste wildlebende Neuweltkamel und bewohnt die kargen Hochebenen der südamerikanischen Anden. Mit einer Schulterhöhe von etwa 80 bis 100 Zentimetern und einem Gewicht von lediglich 35 bis 65 kg zeichnet sich das zierliche Tier durch seinen schlanken Körperbau, lange Beine und einen eleganten, langen Hals aus. Zusammen mit dem Guanako bildet es die Gruppe der wilden, höckerlosen Kamele in Südamerika. Die Evolution zeigt eine enge Verwandtschaft zu den domestizierten Kamelformen, das Vikunja gilt wissenschaftlich als die direkte Stammform des heute wegen seiner Wolle geschätzten Alpakas. Der Lebensraum dieser scheuen und wendigen Tiere erstreckt sich über die extreme Bergwelt von Peru, Bolivien, Chile, Argentinien und Ecuador. Sie leben bevorzugt in den Hochebenen der Altiplano-Steppen in Höhen zwischen 3.500 und 5.500 m. Um in dieser unwirtlichen Umgebung mit extremen Temperaturschwankungen, eisigen Wintern und starker Sonneneinstrahlung zu überleben, fressen die tagaktiven Pflanzenfresser ausschließlich harte, bodennahe Gräser. Sie organisieren sich meist in kleinen Familienverbänden, die aus einem dominanten Männchen und mehreren Weibchen mit ihren Jungtieren bestehen. Aufgrund ihrer empfindlichen, gepolsterten Hufe meiden sie extrem steile, felsige Berggipfel und halten sich stattdessen auf grasbewachsenen Hochebenen und in feuchten Hochtälern auf, da sie für ihr Überleben täglich Zugang zu Wasser benötigen. Die außergewöhnlichste Anpassung an diesen extremen Lebensraum hat das Vikunja weltberühmt gemacht: sein unfassbar dichtes, weiches und feines Fell. Die Haare besitzen einen Faserndurchmesser von gerade einmal 11 bis 14 Mikrometern, womit sie nach der Seide zu den feinsten Naturfasern der Erde gehören. Schon in der Mythologie der Inka galt das Vlies der Tiere als heiliges Geschenk und „Stoff der Götter“. Es war derart kostbar, dass die Kleidung daraus ausschließlich der königlichen Familie vorbehalten war. Auf das Jagen der Vikunjas stand zu dieser Zeit die Todesstrafe. Die Gewinnung der Wolle erfolgte damals wie heute über das traditionelle, gemeinschaftliche Treiben namens Chaccu. Dabei werden die wilden Herden von hunderten Menschen friedlich umstellt, kurzzeitig für eine schonende Schur eingefangen und anschließend unverletzt wieder in die Freiheit entlassen. Nachdem die Tiere nach der spanischen Kolonisation durch rücksichtslose Jagd im 20. Jahrhundert kurz vor der Ausrottung standen, konnten sich die Bestände dank strenger internationaler Schutzabkommen und dem Engagement der indigenen Gemeinschaften erfolgreich erholen. Da jedes Tier nur alle zwei bis drei Jahre geschoren werden darf und dabei lediglich magere 250 bis 450 Gramm Wolle liefert, gilt Vikunjawolle als die teuerste legale Wolle der Welt.
Völlig überrascht waren wir dann über den Zustand der Straße durch das Altiplano, die fast besser asphaltiert war als der Flämingskate und Steffen es schon bedauerte, seine Skates nicht dabei zu haben. (:-)) Überhaupt haben wir auf der gesamten Fahrt fast keine anderen Fahrzeuge (bis auf die Baustellenfahrzeuge) getroffen, was umso unverständlicher war, weil die Hauptverbindung komplett überfüllt ist und viele Staus hat…
Die Landschaft war zudem unbeschreiblich schön und weit, so viele Farben, besonders in den Feuchtgebieten.
Zum Schluß ging es nochmal richtig bergauf, jetzt war sogar Schnee am Wegesrand., bis zum Patapampa-Pass auf ca. 5000 m Höhe. Dort ist der Mirador de Vulcanes, man kann von dort aus acht, zum Teil noch aktive rauchende Vulkane um die 6000 m in einem 360 Grad Panorama sehen. Allerdings war es sehr kalt und windig und die Höhe krass, so dass wir uns relativ schnell an die Abfahrt ins „Tal“ machten. Von oben konnte man schon ganz klein den Hauptort des Colca Canyons Chivay sehen.
Exkurs: Colca Canyon Der Colca Canyon ist eine der tiefsten Schluchten der Welt. Mit einer Tiefe von über 3.200 Metern übertrifft er den Grand Canyon in den USA um das Doppelte und bietet eine spektakuläre Kulisse aus aktiven Vulkanen, präinkaischen Agrarterrassen und unberührter Andennatur. Die Hänge des Canyons werden von Tausenden treppenartigen Agrarterrassen überzogen. Diese monumentalen Terrassenanlagen wurden vor weit über tausend Jahren von den lokalen Kulturen der Collagua und Cabana angelegt und später von den Inka erweitert. Sie sind ein technisches Meisterwerk der antiken Bewässerungskunst und werden von den indigenen Gemeinden, die bis heute stolz ihre traditionellen, farbenfrohen Trachten und Hüte tragen, lückenlos für den Anbau von Quinoa, Mais und Kartoffeln (es gibt in Peru ca. 4000 Sorten Kartoffeln, die interessanterweise auf über 4000 m wachsen) genutzt. Die Orte haben natürlichen Thermalquellen, die von der vulkanischen Aktivität der Erde beheizt werden. Ein besonderer Highlight der Schlucht ist der Kondor. Dazu morgen mehr.
Von Chivay aus war es dann nochmal eine einstündige Fahrt über schlechte Straße immer am Rand des Canyons entlang. Spektakulär, aber langsam ging die Sonne unter und wir mussten uns beeilen, um noch im Hellen anzukommen. Außerdem waren wir allmählich etwas erschöpft und besonders Anne litt unter der Höhe. Außerdem wurde die Straße immer wieder von Tieren aller Art blockiert, Kühe, Pferde, Schafe, Esel und Hunde. Kurz vor Sonnenuntergang um 18.00 Uhr kamen wir an. Jetzt verstanden wir, warum es in der Beschreibung hieß, dass die Anfahrt zu unserer Unterkunft „La Granja de Colca“ abenteuerlich sei. Über eine schmalen unwegsamen Feldweg fuhren wir ca. 15 min (ein sehr großer Bauernhof) bis direkt an den Rand des Canyons, wo das Bauernhofhotel direkt an der Felskante hängt, wow! Am Parkplatz begrüßte uns schon der Besitzer, der fragte, was wir hier wollten, es sei komplett von einer Gruppe Motorradfahrer ausgebucht. Ein kurzer Moment der Krise, zurückfahren wäre in der Dunkelheit auf keinen Fall gegangen. Zum Glück konnten wir unsere Buchung nachweisen und es fand sich noch ein Zimmer, allerdings ohne den von uns gebuchten Blick in den Canyon. Der Besitzer lud uns aber als Ausgleich zu einem Abendessen ein und versprach uns, dass wir uns direkt am nächsten Morgen das Zimmer mit dem besten Blick aussuchen könnten.
Wir hatten dann noch einen gemütlichen Abend im Restaurant mit Blick über die Schlucht und gemütlichen Kamin (auf 3500 m Höhe ist es nach Sonnenuntergang doch deutlich kühler).


















