Morgens machte Rosa uns ein sehr leckeres und liebevoll angerichtetes Frühstück und wir plauderten die ganze Zeit. Gestern hatten wir uns schon über unser riesiges rundes Zimmer und die Architektur gewundert. Mehrere davon gliedern sich um einen sehr großen Innenhof. Rosa erklärte uns, dass das ganze Gebäude eine Privat(vor-)schule war, die ihrer (Schwieger-)Tochter gehörte und die dort die Direktorin war. Vor zwei Jahren gab die Tochter die Schule auf (warum haben wir nicht so wirklich verstanden) und sie haben die Schule zu einem Airbnb umgebaut. Wir schlafen also in einem alten Klassenzimmer und der Innenhof war der Schulhof. Das erklärt vieles! Rosa ist 75 und leitet das ganze, um weiter beschäftigt zu sein. Sie ist extrem süß und kümmert sich total um uns, kontrolliert jedesmal, mit welchem Unternehmen (Flug, Exkursion) wir etwas unternehmen und ob die auch in Ordnung und nicht zu teuer sind. Außerdem gibt sie uns ständig Essenstipps.
Um 9.15 Uhr wurden wir abgeholt und zum Flughafen gefahren, da wir einen Rundflug über die berühmten Nasca-Linien gebucht hatten, die so groß sind (die Figuren zwischen 40m und 136m, geometrische Figuren mehrere Hunderte Meter und die Linien bis zu 20 km), dass man sie nur vom Flugzeug aus sehen kann. Zuerst wurden wir gewogen,durchleuchtet, mussten unsere Pässe zeigen und verschiedene Gebühren entrichten. Dann wurden wir gemeinsam mit einem russischen Pärchen zum Flugzeug geführt. Das war wirklich sehr klein und Anne hatte zunehmend das Gefühl, dass das Ganze doch nicht so eine gute Idee gewesen ist. Dann ging es los. Das Flugzeug wackelte sowieso schon ziemlich, aber dann flog es jeweils einmal im rechten Bogen und dann im linken Bogen um die jeweilige Figur, damit man diese von jeder Seite des Flugzeug aus gut sehen konnte. Dabei ging es jeweils so steil in Seitenlage, dass man vom Fenster aus direkt über der Figur war, ürggs! Während Steffen begeistert Fotos schoss, konzentrierte Anne sich eher auf den Überlebensmodus und darauf das leckere Frühstück drin zu behalten. Trotzdem war es total faszinierend!
Nach gut einer dreiviertel Stunde (viel zu schnell sagt Steffen, Gott sein Dank, sagt Anne) landeten wir wieder sicher auf dem Boden. Nach einer kurzen Wartezeit wurden wir wieder zurück zu unserer Unterkunft gefahren.
Dort machten wir nur kurz Pause und gingen dann auf Empfehlung von Rosa in ein sehr leckeres Fischrestaurant. Hier hat sich erstmals der sehr gute Ruf der peruanischen Kochkunst bestätigt, wirklich besonders.
Um 14.00 Uhr ging es schon weiter, da wir uns am Flughafen zu einer Tour am Nachmittag hatten überreden lassen. Wir wurden am Plaza de Armas abgeholt und zum Ausgangspunkt gebracht. Gemeinsam mit einer Familie mit drei Kindern aus Lima bestiegen wir eine Art offenen Dünenbuggy. Zuerst fuhren wir wieder zu einem Kanalsystem aus dem 4. Jahrhundert mit anderer Bauart. Hier kamen wir auch an einer Kaktusplantage vorbei und konnten unseren Führer danach befragen, da wir uns schon vorher gewundert hatten, wozu man die Kakteen anbaut.
Exkurs Cochenilleschildlaus Der intensiv rote Farbstoff Karmin, in der EU als Lebensmittelzusatzstoff E 120deklariert, wird traditionell und in großem Stil in Peru gewonnen. Die biologische Grundlage für dieses gefragte Pigment bildet die Cochenilleschildlaus, die als Parasit auf den fleischigen Blättern von Feigenkakteen lebt. Um den Fressfeinden zu entgehen, produzieren vor allem die trächtigen weiblichen Tiere eine stark färbende Substanz, die Karminsäure. Peru gilt heute als der weltweit größte Exporteur dieses Rohstoffes und deckt einen Großteil des globalen Marktes ab, wobei die Ernte oft in mühsamer Handarbeit von kleinbäuerlichen Familien auf Kaktusplantagen erfolgt. Die komplexe Herstellung beginnt mit dem vorsichtigen Abschaben der Insekten von den Kakteen. Anschließend werden die Läuse getrocknet, gemahlen und in einer alkalischen Lösung aufgekocht, um die wertvolle Säure zu extrahieren. Heute wird der Farbstoff weltweit in der Kosmetikindustrie für Lippenstifte und Rouge, sowie in unzähligen Lebensmitteln wie Süßwaren, Kaugummis, Milchprodukten und Getränken verwendet. Bereits die Nasca und Paracas stellten um 450 bis 650 n. Chr. prachtvolle, intensiv rot gefärbte Textilien her, deren Leuchtkraft dank der chemischen Stabilität der Karminsäure bis heute hält.
Anschließend besuchten wir Cahuachi, welches ein bedeutendes zeremonielles Zentrum und das spirituelle Herz der alten Nasca-Kultur war. Die Blütezeitlag zwischen ca. 1. Jahrhundert v. Chr. und 500 n. Chr. Cahuachi besteht aus über 40 künstlichen und natürlichen Hügeln, die mit gestuften Adobe-Pyramiden, Tempeln, Höfen und Plätzen bebaut sind. Die größte Pyramide (Große Pyramide) erreicht eine Höhe von etwa 30 Metern und hat sieben Ebenen. Cahuachi war keine normale Stadt, der Ort diente vielmehr als heiliges Zentrum, in dem sich Tausende von Menschen aus verschiedenen Tälern zu bestimmten Zeiten für religiöse Feste, Wasser- und Fruchtbarkeitsrituale sowie Pilgerreisen versammelten. Man geht davon aus, dass Cahuachi der ideologische Ausgangspunkt oder das spirituelle Ziel für viele der Geoglyphen in der Wüste war. Bei Ausgrabungen wurden feine polychrome Keramiken mit vergleichbaren Motiven, aufwendige Textilien, Musikinstrumente sowie rituelle Opfergaben entdeckt.
Im Anschluss ging es weiter durch die Wüste und unser Fahrer entwickelte – angefeuert von den begeisterten Jubelschreien der Kinder – einen immer rasanteren Fahrstil, indem er mit hohen Tempo über die unbefestigten Straßen sowie daneben liegende Sandpisten raste und mit Absicht schnell über Anhöhen schoss. Wir beteten, dass unsere tolle Reise nicht schon an diesem Punkt ihr Ende finden sollte. Der Flug heute morgen war dagegen ein Kinderteller und Steffen hatte schon hier ein flaues Gefühl, weil er – er saß wegen seiner Größe vorne neben dem Fahrer – ständig Tropfen von – zum Glück noch kaltem – Kühlwasser ins Gesicht bekam, was den Fahrer jedoch nicht beunruhigte…
Zwischendurch hielten wir an einem alten Friedhof, der aus der Zeit von Cahuachi stammte, also gut 1600 Jahre alt. Diesen hatte allerdings vor 50 Jahren Grabräuber geplündert und überall lagen – wohl seitdem – Knochen, Schädel, Haare, Tücher und zerbrochene Keramiken herum. Wir waren ziemlich schockiert, während die Kinder der Familie ungerührt mit den Knochen spielten. Unser Führer sagte, dass der Staat kein Geld habe, um sich um diese Stätte zu kümmern und deshalb alles weiter so herumliege.
Nebenan standen noch Reste eines alten Tempels, vor allem noch deren Holzständer (1500 Jahre alt, vom Huarangobaum), da hat es Steffen schon in den Fingern gejuckt… aber Chingi ist ja nicht mit…
Weiter ging die rasante Fahrt, wir wollten zum Sonnenuntergang auf eine hohen Sanddüne sein. Bei der Auffahrt auf die Düne stieg jedoch nach einiger Zeit ziemlich viel Rauch aus dem Motor auf, leider kein Gruß an die Nasca-Götter, sondern Ende der Fahrt für dieses Fahrzeug – jedenfalls für heute -.
Dazu kam das Problem, dass es keinen Empfang gab, um Hilfe zu holen. Unser Guide kletterte aber auch eine höhere Düne und konnte von da aus zum Glück jemanden erreichen.
Wir nutzen die Zeit und kamen jetzt doch noch in den Genuss des Sandboardens, allerdings – in Gedanken an Gayle -ganz vernünftig im Sitzen.
Nach Sonnenuntergang wurde es ziemlich kalt. Wir hatten aber zum Glück Pullover und Jacken mit. Nach einer Stunde kam dann ein anderes Tourfahrzeug, in das wir uns alle rein quetschen und der mit uns – wieder in überaus rasanter Fahrt im Dunkeln – durch die Wüste schoss. Wir hielten uns krampfhaft an den Stangen fest, es fühlte sich an wie eineNachtfahrt der Dakar-Rallye und es war auch durch den Fahrtwind inzwischen richtig kalt. Nach einer knappen Stunde erreichten wir die Stadt und schickten ein Dankgebet gen Himmel.
Zuhause erwartete uns schon Rosa, die sich schon große Sorgen um uns gemacht hatte. Wir hatten nämlich eigentlich für 18.00 Uhr mit ihr verabredet, um zum Pisco und Wein probieren in die Bodega ihres Sohnes zu gehen. Dazu war es nun zu spät. Nun mussten wir erstmal duschen um warm zu werden und den Sand, der überall war, zu entfernen. Danach schleppten wir uns noch zu einem kleinen Abendsnack in die Stadt. Was für ein Tag!
Lustige – aber auch heftige – Anekdote am Rande: Unser Guide erzählte uns, dass er einmal eine Freundin in der Schweiz besucht habe. Dort wollte er was Leckeres für sie kochen und ist deshalb in eine Zoohandlung gegangen und hat ein paar Meerschweinchen – ein hier sehr verbreitetes Gericht – gekauft. Als die Verkäuferin ihn fragte, was er damit vorhabe, antwortete er, dass er sie natürlich Grillen wolle. Daraufhin schrie die Verkäuferin rum und rief die Polizei. Er rief seine Freundin an, die wohl wortreich entschuldigend erklärt hat, dass dies in Peru ein verbreitetes Gericht sei. Er mußte die Meerschweinchen zurückgeben und sich bei der Verkäuferin entschuldigen. Dann habe ihm der Polizist noch – ohne Lächeln im Gesicht – gesagt, dass er hier weniger Rechte als das Meerschwein habe und dass er, wenn das nochmal vorkäme, direkt zum Flughafen gebracht und abgeschoben werde….
Ein von ihm betriebenes Gasthaus und Restaurant – wir kamen abends auf der Rückfahrt dort entlang – heißt trotzdem „La Maison Suisse“ …





















