18.10.2026 Ein Tag auf der Insel Taquile

Vorab: Juhu, der Blog funktioniert wieder! Auch die Webseite, auf der der Blog läuft, war von der Abschaltung wegen der Sicherheitslücken in PHP betroffen, aber der liebe Armin (ohne dessen Betreuung es diesen Blog ohnehin nicht geben würde), hat alles wieder in Gang gebracht. Vielen Dank Armin noch mal an dieser Stelle!

Heute Nacht waren wir über die vielen Decken und unseren Schlafsack sehr froh, es war so kalt, dass draußen auf der Terrasse Reif war, drinnen etwa die gleiche Temperatur. 

Morgens sahen wir dann erstmals bei Tageslicht unsere Umgebung, was für ein Ausblick! Außerdem war vor unserem Fenster ein reger Schiffsverkehr mit vielen verschiedenen interessanten Booten, auch den schicken Urobooten, die ebenfalls nur aus Schilf bestehen.

Um 9.30 Uhr fuhr uns Ruben ein kurzer Stück zu einem kleinen Hafen auf einer anderen Uroinsel. Dort lagen mehrere etwas größere Ausflugsboote, bei denen man drinnen oder draußen auf dem Dach sitzen konnte. Zuerst fuhr das Boot wieder durch eine Art Schilfkanal, bevor es den offenen Titicacasee erreichte. Er wirkt eher wie ein Meer als wie ein See, zwischendurch konnte man kein Ufer sehen. Unser Ziel war die Insel Taquile.

Exkurs: Die Insel Taquile Die Insel Taquile, die in der Kolonialzeit einem Spanier gehörte, von dem sich der Name ableitet, ist knapp 5,5 Kilometern lang und etwa 45 Kilometer (2 Stunden mit dem Boot) von Puno entfernt. Auf der Insel leben rund 2.200 Menschen, die autonom organisiert sind, nachdem sie die Insel komplett zurückgekauft haben: sie leben weitgehend selbstbestimmt nach traditionellen indigenen Prinzipien, ohne Polizeipräsenz des Staates und im Einklang mit dem Inka-Kodex „Ama sua, ama llulla, ama quella“ (Lüge nicht, stiehl nicht, sei nicht faul). Da es auf der Insel keine Autos und nur wenige gepflasterte Wege gibt, bewegen sich Bewohner und Besucher ausschließlich zu Fuß fort. Die steilen Pfade führen vorbei an beeindruckenden prähispanischen Terrassenanlagen, auf denen bis heute Kartoffeln, Mais und Getreide angebaut werden, und bieten einen überragenden Blick über den See. Kulturell ist Taquile vor allem für seine jahrhundertealte Web- und Strickkunst berühmt, die von der UNESCOals immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt wurde. In dieser Gemeinschaft ist das Stricken reine Männersache, während die Frauen für das Spinnen der Wolle und das Weben zuständig sind. Die Männer stricken unentwegt, sogar beim Laufen. Die Kleidung der Inselbewohner beinhaltet ein komplexes Zeichensystem, das den sozialen Status und die Rolle in der Gemeinschaft widerspiegelt. So tragen z.B. verheiratete Männer rot-blaue Strickmützen, während die Mützen der Junggesellen rot-weiß sind,entsprechendes gilt für die Tücher und Röcke der Frauen. Die Art wie die Mütze aufgesetzt wird, zeigt außerdem an, ob man aktiv auf Partnersuche ist. Die Web- und Stricktradition wird von Generation zu Generation weitergegeben und bildet bis heute das Herzstück der kollektiven Identität. Das Erlernen der traditionellen Symbolsprache und Stricktechnik beginnt bei den Jungen bereits im frühen Kindesalter. Das Meistern dieser Technik hat dann später für die jungen Erwachsenen eine immense soziale Bedeutung, da das Können traditionell direkt mit ihrer Heiratsfähigkeit verknüpft ist: Möchte ein junger Mann um die Hand einer Frau anhalten, muss er seinem zukünftigen Schwiegervater eine selbst gestrickte Mütze überreichen, die als „Meisterprüfung“ mit Wasser gefüllt wird. Nur wenn die Maschen so präzise und dicht gestrickt sind, dass die Mütze das Wasser hält, gilt der junge Mann als bereit, eine Familie zu gründen. Wie unterschiedlich die Welt doch ist! Man stelle sich bei uns vor, dass bei einem Mann das Heiraten von seiner Strickkunst abhängt!

Das ist eigentlich das Spannendste an unserer Reise. Täglich zu erleben, dass das, was man für normal hält, nur eine von tausenden kulturellen Blasen ist. Und seien es solche Kleinigkeiten wie der Umstand, dass in Peru alle Lichtschalter auf Kopfhöhe sind. Auch noch nach zwei Wochen sucht Anne noch jede Nacht den Lichtschalter auf Hüfthöhe.

Nach eineinhalb Stunden Fahrt legten wir an und sollten – nachdem wir den ersten langen Anstieg hinter uns hatten- zunächst mit unserer Gruppe bis zum Marktplatz eines Dorfes laufen. Es ging ganz schön bergauf und da Anne auf knapp 4000m Höhe bergauf recht langsam vorankam und Steffen wartend viel fotografiert hat, haben wir mit einer kleinen Gruppe an einer Weggabelung den falschen – weiter steil bergauf führenden Weg genommen, was uns zusätzliche 100 Höhenmeter und ein deutlichen Umweg eingebracht hat, aber immerhin haben wir auch das geschafft, es geht auch bergauf mit der Eingewöhnung. Wir mussten uns durchfragen und kamen etwas spät zur örtlichen Tanzvorführung, haben aber scheinbar nicht viel verpasst. Auf dem Marktplatz haben wir noch unsere Touristenpflicht erfüllt und beide eine Mütze aus Alpakawolle gekauft. Weiter ging der Weg über die schöne Insel, an terrassierten Felder und Schafen vorbei mit Blick auf die schneebedeckten Berge auf bolivianischer Seite. 

Nach einem Mittagessen zeigte uns noch ein Kellner die Strickkunst und erklärte uns die Bedeutung der Farben der Mütze und die Symbole des Gürtels.

Nach einen kurzen Weg am Strand entlang inklusive Test des 8 Grad kalten Wassers – aber nur mit den Beinen – ging es zurück. Auf dem Weg flogen mehrere Schwärme Flamingos an uns vorbei. 

Nach unserer Rückkehr holte uns Rubens Frau Anais mit dem Boot ab. Bis zum Sonnenuntergang genossen wir bei Kaffee und Kuchen auf unserem Außenbett chillend die Aussicht. Dann wurde es bitterkalt und stürmisch, so dass unsere kleine Schilfinsel zu schaukeln begann und wir ganz froh über den kleinen Gasofen in der Hütte waren.

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