19.10.2026 Rundtour durch die Comunidad

Heute haben wir mit Ruben in seinem Boot eine sehr interessante Tour durch seine Comunidad – also die Inseln der Uros und die Umgebung im See – gemacht, wobei er uns viel erzählt und erklärt hat. In der Comunidad leben ca. 3000 Menschen auf 140 Schilfinseln, meist in Familienverbänden. 

Auf jeder Insel gibt es mehrere Hütten zum Schlafen und eine Kochhütte, in der zusammen gekocht und gegessen wird. Zum Schlafen geht jede Familien in ihrer eigene Hütte, wobei Matten auf dem weichen Schilf ausgerollt werden. Die Kleidung hängt an den Wänden. Außerdem hat jede Insel einen Wasserturm und eine Solaranlage sowie eine Art Wappen aus Schilf, dass den Namen der Insel darstellt.

Die Paare heiraten innerhalb der eigenen Comunidad, eine Scheidung ist nicht möglich (größtenteils ist man ja auch zusätzlich noch katholisch). Ruben zeigte uns einen abgelegenen Teil des Sees mit vielen natürlichen Schilfinseln, den er als Naturpark bezeichnete. Dorthin kommen die jungen Paare – unerlaubterweise, weil zugleich Naturschutzgebiet – und verstecken sich im Schilf. Alles im Boot natürlich, eine andere Fortbewegung gibt es hier nicht. In dieser einsamen Gegend trafen wir einen Mann mit seinem kleinen Sohn, der im Schilf vom Boot aus Vogeleier sammelte. Ruben kaufte dem Mann einige Enteneier ab. Das Kuriose war dann, dass er den Mann mitten auf dem Wasser mit der Handy-Bezahl-App Yape – so etwas wie das peruanische Paypal – bezahlte. Irgendwie ein wilder Mix aus Vergangenheit und Zukunft…

Auch zeigte uns Ruben die traditionelle Vorhersage der Niederschlagsmenge in der Regenzeit, nämlich das Nest eines Vogels im Schilf. Daran, auf welcher Höhe des Schilfes sich das Nest befindet, lässt sich ablesen, ob in diesem Jahr viel oder wenig Niederschlag fallen wird. 

Er erzählte uns weiter, dass die Kinder solange bei den Eltern leben, bis sie heiraten und Kinder bekommen, dann bauen sie sich eine eigene Schilfinsel. Das Verhältnis bleibt trotzdem sehr eng. So schlafen Ruben, Anais und die beiden Töchter (13 und 15 Jahre alt) oft mit in der Hütte der Großeltern, damit diese sich nicht einsam fühlen (und das, obwohl diese auf ihrer Insel mit vier anderen Familien zusammenwohnen).

Jede Insel hat einen eigenen Präsidenten, der Bürgermeister für die ganze Comunidad wird alle 5 Jahre gewählt. Es gibt eine Kindergarten- und eine Grundschul-Insel (6-12 Jahre), in der auf Aymara unterrichtet wird. Wenn man dann weiter in die Schule gehen will, muss man täglich nach Puno fahren oder dort bei Freunden oder Verwandten unterkommen. Der Unterricht in Puno findet dann allerdings auf Spanisch statt. 

Außerdem gibt es ein Comunidadgebäude, in dem sich alle einmal wöchentlich zum Tanz treffen, u.a. eine katholische und eine adventistische Kirche (auch aus Schilf), einen Fuß- und Volleyballplatz sowie eine Müllabfuhr (per Boot natürlich, hauptsächlich Plastikflaschen). Es gibt Gas zum Kochen (das offene Feuer war vorher sehr gefährlich auf den Schilfinseln), Solaranlagen und – jedenfalls für uns – sehr schwaches Internet. Der Strom reicht aber nur für Licht- und Handyaufladen, Kühlschränke oder gar Waschmaschinen gibt es deshalb nicht. In der Regenzeit gibt es häufig – mangels hinreichender Sonneneinstrahlung – gar keinen Strom.

Das Wasser wird aus den tiefen Lagen des Sees gepumpt, da es dort nicht verschmutzt ist.

Sowohl Ruben als auch Anais haben sieben Geschwister. Heute haben die meisten Paare nur noch zwei Kinder. Dies liegt vor allem an der wirtschaftlichen Lage. Während die Eltern der beiden noch täglich ca. 25 kg Fisch fingen, sind es heute bestenfalls 3-5 kg. Früher tauschten die Menschen den Fisch oder gejagte Vögel gegen Obst, Gemüse und Kartoffeln auf der Insel Taquile oder auf dem Markt in Puno ein. Geld als solches zu verdienen war also nicht nötig. Das funktioniert heute nicht mehr (man braucht u.a. Geld für das Benzin der Bootsmotoren) und deshalb ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle.

Die Lebensgrundlage der Uros ist immer noch das Totoraschilf. Die Wurzeln des Totora bilden dichte, schwimmende Matten, die rund 1-2 m dick sind. Diese werden in große Blöcke geschnitten und mit Seilen verbunden. Der Auftrieb kommt von der Luft in den Schilfhalmen und im Wurzelgeflecht.

Die Insel wird mit langen Pfählen aus Eukalyptusholz am Seegrund festgemacht oder mit Seilen an Nachbarinseln gebunden, damit sie nicht abtreibt (sonst kann sich eine Insel bei Sturm am nächsten Morgen in Bolivien wiederfinden). Das Schilf an der Unterseite fault im Wasser ständig von unten weg, weshalb alle paar Wochen frische Totora-Schichten nachgelegt werden. Eine Insel kann so etwa 80-90 Jahre halten. Ruben zeigte uns, wie das Schilf geschnitten wird. Die jungen Halme werden außerdem gern gegessen, die Blüten sind Medizin, zudem wird das Schilf zum Bau der Hütten und der Boote genutzt.

Zwischendurch hielten wir auf einer Restaurantinsel und aßen Fisch. Zum Schluss nahm uns Ruben mit auf die Insel seiner Eltern. Dort haben wir seine Eltern kennengelernt und in die Hütten schauen dürfen. Die Kinder kamen gerade alle mit dem Schulboot aus der Schule und alle aßen gemeinsam in der Kochhütte. Außerdem zeigte Ruben uns noch ein Modell, wie die Inseln aufgebaut und befestigt werden.

Wieder zurück zeigte uns Anais noch Decken und Kissenbezüge, die sie und ihre Familie weben und kunstvoll mit Motiven der Uro-Kultur besticken. 

Den Spätnachmittag verbrachten wir wieder auf unserer Terrasse, abends hat Anais für und gekocht (wir haben keine eigene Küche). Morgen früh machen wir uns auf den langen Weg nach Cusco.

Exkurs: Geschichtliches der Uros Die Uros gehören zu den ältesten ethnischen Gruppen des amerikanischen Kontinents, die seit vielen Jahrhunderten auf den schwimmenden Inseln im Titicacasee leben.  Wissenschaftliche Schätzungen und genetische Studien legen nahe, dass ihre Vorfahren die Region um den Titicacasee bereits vor etwa 3.700 Jahren besiedelten – lange vor dem Aufstieg der Inka-Zivilisation. Die Entscheidung, dauerhaft auf künstlichen, schwimmenden Inseln mitten auf dem Wasser zu leben, war eine reine Verteidigungsstrategie. Als im 13. Jahrhundert die kriegerischen Collas und später das expandierende Inka-Reich die Region unterwarfen, flüchteten die Uros auf den offenen See. Durch die Mobilität ihrer Schilfkonstruktionen konnten sie sich potenziellen Angreifern flexibel entziehen und blieben jahrhundertelang isoliert und autark. Im Laufe der (Neu-) Zeit wurden sie von den Kulturen der Aymara und Quechua beeinflusst, ihre ursprüngliche Sprache Uruquilla starb in den 1950er Jahren aus, dennoch leben bis heute nur sie auf traditionelle Weise auf dem See.

Ein Kommentar

  1. Karin u.Manfred

    Es ist kaum zu glauben,wie Menschen in der heutigen Zeit noch
    leben,scheinbar glücklich und
    zufrieden,und dann wiederum die
    Digitalisierung schon gelebt wird.

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